Rechtlich gesehen
Oliver Eikenberg beschreibt seine Tätigkeit als Berater im Bereich Regulatory Affairs für In-vitro-Diagnostika.
Dieser Artikel wurde ursprünglich in The Pathologist veröffentlicht.
Der Marktzugang für In-vitro-Diagnostika (IVD) ist schwierig. Unabhängig davon, ob es um die Beantragung einer FDA-510(k)-Zulassung oder eine CE-Kennzeichnung der Europäischen Union geht: Die zugrunde liegenden Vorschriften sind komplex und streng. Je nach Art und Klasse des Produkts sowie der Gesetzgebung des jeweiligen Landes kann die Erstellung aller erforderlichen Dokumente zum Qualitätsmanagementsystem, zur wissenschaftlichen Validität, zur analytischen Leistungsfähigkeit und zum klinischen Nachweis sowohl arbeits- als auch zeitintensiv sein.
Zum Glück gibt es Hilfe. Experten für regulatorische Angelegenheiten stehen den Herstellern zur Seite, um sie durch die stürmischen Gewässer der Marktzulassung zu führen. Sie können nicht nur zu Strategien beraten, die ein gesamtes Produktportfolio abdecken, sondern auch nützliche Tools vorstellen, mit denen sich einige dieser Schritte effizienter gestalten lassen.
Um mehr zu erfahren, haben wir uns mit Oliver Eikenberg, Global Quality Assurance and Regulatory Affairs Manager bei Pure Global, in Verbindung gesetzt. Lesen Sie weiter, um zu erfahren, wie es wirklich ist, als Berater im Bereich Regulatory Affairs zu arbeiten, welches die häufigsten Fallstricke bei Anträgen sind und wie neue computergestützte Tools den Prozess vereinfachen können.
Erzählen Sie uns von Ihrem Werdegang
Ich habe eine Ausbildung als Chemiker absolviert und um das Jahr 2000 in Biochemie promoviert, bevor ich in die Medizinproduktebranche einstieg. Nach vielen Jahren in der Industrie wechselte ich in den Bereich Qualitätssicherung und Regulatory Affairs, wo ich die letzten zehn Jahre verbracht habe.
Nachdem ich Erfahrungen als Leiter für Forschung und Entwicklung sowie als Produktionsleiter gesammelt hatte, brachte ich diese Fähigkeiten in die Beratung von IVD-Unternehmen ein, die nach einer effizienteren Dokumentation strebten. Zunächst lag der Schwerpunkt auf Europa (MDD/IVDD, MDR/IVDR), aber schließlich weitete ich meine Tätigkeit auf den US-amerikanischen und den australischen Markt aus. Meine Expertise umfasst alle Aspekte von Regulatory und Quality Affairs im Medizinproduktumfeld. Neben der Beratung zu den europäischen IVD-Verordnungen (IVDR) und den US-amerikanischen 510(k)-Vorschriften bin ich auch als Auditor qualifiziert, unterstütze FDA-Inspektionen und führe Audits nach ISO 13485 oder ISO 9001 durch.
Nach einer Phase als Freiberufler wechselte ich zu Emergo by UL, wo ich zehn Jahre meiner beruflichen Laufbahn als Lead Consultant für IVDs verbrachte, bevor ich 2024 als Quality und Regulatory Affairs Manager für IVDs zu Pure Global kam.
Was beinhaltet Ihre aktuelle Rolle?
Meine Ausbildung als Chemiker verschafft mir ein solides Fundament für das Verständnis der Wissenschaft hinter IVD-Produkten, was mir bei meinen Gesprächen mit Herstellern, Lieferanten, Wirtschaftsakteuren, Benannten Stellen und zuständigen Behörden sehr hilft.
Mein Aufgabengebiet geht über die reine Beratung hinaus: Wir bieten Herstellern von Medizinprodukten und IVD-Geräten intelligente Lösungen, um den weltweiten Marktzugang zu erlangen – und aufrechtzuerhalten. Pure Global bietet ein globales Servicenetzwerk, das 30 Märkte abdeckt, mit Niederlassungen in 17 strategischen Märkten weltweit. Wir verfügen über weltweites Fachwissen über die regulatorischen Anforderungen dieser Länder sowie über Kollegen vor Ort, die Medizinproduktehersteller bei Zertifizierungen und Zulassungen unterstützen. Zudem haben wir ein großes klinisches Team für die Durchführung aller erforderlichen spezifischen klinischen Prüfungen. Und was besonders wichtig ist: Wir nutzen Software-Tools und KI-Technologien, um diese intelligenten Lösungen für unsere Kunden zu entwickeln und anzubieten.
Das ist wichtig, denn an der Komplexität der Vorschriften können wir zwar nichts ändern, aber wir können mit intelligenten Lösungen die Einhaltung erleichtern. Manche Aufgaben können viele Stunden für die Suche nach bestimmten Dokumenten oder die Erstellung von Einreichungsunterlagen erfordern, was oft mit erheblichen Redundanzen verbunden ist. Mit effizienten Software-Tools lassen sich diese Aufgaben wesentlich einfacher bewältigen. Das ist es meines Erachtens, was unseren Ansatz von anderen Beratungsunternehmen unterscheidet.
Welche Auswirkungen könnten Ihrer Meinung nach die neuen Vorschriften auf IVD-Unternehmen haben?
Auch wenn die IVD-Vorschriften selbst nicht neu sind, gibt es immer wieder Aktualisierungen, die erhebliche Auswirkungen auf die Hersteller haben können. Eine der jüngsten Neuerungen ist die Anforderung von klinischen Nachweisen zur Untermauerung des vom Hersteller definierten Verwendungszwecks des IVD-Produkts.
Zudem wurden für IVDs in der EU erstmals Klassifizierungsregeln eingeführt. Diese basieren auf der Zweckbestimmung des Produkts und seinem diagnostischen Risiko für die Patienten. Unter der EU-IVDR sind klare Kriterien für die Zweckbestimmung definiert. Das bedeutet, dass viele Hersteller detailliertere Angaben zu ihrem Produkt machen müssen.
Während Klassifizierungsanforderungen im Bereich der Medizinprodukte bereits seit vielen Jahren etabliert sind, sind sie für IVDs neu – und stellen für viele IVD-Unternehmen nach wie vor eine große Herausforderung dar. Zudem gilt: Je höher die IVD-Risikoklasse ist, desto dringender ist die Notwendigkeit, klinische Evidenz durch klinische Leistungsstudien an Patienten nachzuweisen.
Die Lösung liegt in einer soliden Strategie und dem Einsatz intelligenter Tools, um die Anforderungen effizient zu erfüllen und die Kosten für diesen Übergang zu minimieren.
Könnten diese kostspieligen Anforderungen das Innovationspotenzial kleinerer Unternehmen einschränken?
Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stellt die Einhaltung der regulatorischen Anforderungen naturgemäß eine größere Belastung dar. Dies hängt jedoch immer vom jeweiligen IVD-Produkt und dem aktuellen Status der regulatorischen Compliance ab. Kunden fragen mich oft, ob sie auch dann klinische Evidenz erbringen müssen, wenn sie nur geringe Stückzahlen eines Produkts in den Verkehr bringen. Die Antwort lautet: Das Sicherheitsrisiko für die Patienten ist identisch, egal ob Sie 10 oder 10.000 Produkte herstellen. Vorschriften dienen der Patientensicherheit, weshalb sich solche betriebswirtschaftlichen Fragen niemals in den Gesetzestexten widerspiegeln.
Genau hier können intelligente Tools eine große Hilfe sein. Wenn Sie beispielsweise planen, Ihr Produkt in 25 verschiedenen Märkten einzuführen, muss die Gebrauchsanweisung in 25 Sprachen übersetzt werden. Mithilfe unseres Übersetzungstools kann ein Hersteller den Zeit- und Kostenaufwand für diesen Prozess erheblich reduzieren. Mit einem einfachen Klick lassen sich Dokumente übersetzen. Die endgültige Freigabe muss zwar weiterhin durch einen zertifizierten Übersetzer verifiziert werden, aber Sie sparen bereits bei der ersten Entwurfserstellung erhebliche Kosten.
Ein weiteres Beispiel sind die Literaturrecherchen, die zum Nachweis der wissenschaftlichen Validität des Produkts erforderlich sind. Manuell durchgeführt, sind diese extrem zeitaufwändig. Wir haben intelligente Software-Tools entwickelt, die diese Recherche in wenigen Minuten erledigen und Literatur aus verschiedenen Datenbanken vorab bewerten können. Die Regulierungsexperten können sich dann auf die abschließende Bewertung und die Inhalte konzentrieren, anstatt Stunden mit Suchen und Formatieren zu verbringen.
Auch die Erstellung der Zulassungsunterlagen zur Einreichung bei den Behörden ist ein gewaltiges Unterfangen. Unsere Berater unterstützen Sie dabei, hierfür intelligente Strategien zu entwickeln. Wenn Sie beispielsweise mehrere ähnliche Produkte im Portfolio haben, können Sie diese unter Umständen gruppieren und ein einziges Dokument anstelle von mehreren Einzelversionen erstellen.
Die frühzeitige Einbindung von Regulatory-Affairs-Experten bereits in der Produktentwicklungsphase kann sich als äußerst vorteilhaft erweisen. Berater nehmen das gesamte Produktportfolio des Unternehmens genau unter die Lupe und zeigen auf, wo sich beispielsweise eine gemeinsame Risikomanagementakte oder eine gemeinsame Post-Market-Surveillance-Akte erstellen lässt, um den Aufwand zu minimieren. Solche Synergien reduzieren den Arbeits- und Kostenaufwand für den Marktzugang und machen diesen selbst für kleine und mittlere Unternehmen deutlich leichter bewältigbar.
Welche Trends beeinflussen den IVD-Markt in den USA und Europa?
Der Trend, der derzeit die meiste mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die künstliche Intelligenz (KI). Die Regulierungsbehörden ordnen diese jedoch in der Regel dem Bereich Software unter. Hierbei ist es wichtig, die genauen Definitionen zu verstehen, da für KI eigene Rechtsvorschriften gelten, die verständlicherweise komplexer sind als die allgemeinen Software-Regulierungen.
In jedem Fall muss man sich darüber im Klaren sein, dass sowohl das Medizinprodukt bzw. das IVD-Produkt als auch die zugehörige Software den gesetzlichen Anforderungen entsprechen müssen.
Was sind die größten Hürden bei der Erlangung einer Marktzulassung für IVD?
Der Nachweis der klinischen Leistung des Produkts ist der häufigste Stolperstein.
In der Regel gilt: Je höher die Risikoklasse des Produkts ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie klinische Prüfungen oder klinische Leistungsstudien durchführen müssen. Für IVD ist dies eine der größten Herausforderungen, da es sich bei den meisten dieser Produkte um Legacy-Geräte handelt oder sie noch nie von einer Benannten Stelle geprüft oder bewertet wurden.
Ich habe bereits die Einführung der neuen Klassifizierungsregeln unter der EU-IVDR erwähnt, die auf die Anforderung abgestimmt sind, die Zweckbestimmung nach bestimmten Kriterien (Zielgruppe, Indikation, manuelle oder automatisierte Verwendung usw.) zu definieren. Diese neue oder präzisierte Zweckbestimmung kann sich nun auf die Ziele einer klinischen Leistungsstudie zur Verifizierung des klinischen Nachweises auswirken.
In einigen Fällen fordert die Benannte Stelle lediglich ausreichende klinische Daten an, die intern aus klinischen Proben generiert werden können. Sehr häufig verlangen sie jedoch Daten, die in einem spezifischen klinischen Umfeld generiert wurden. Und dann stellt sich die Frage, ob dies unter angemessenen ethischen Bedingungen geschehen ist.
Ich habe Hunderte von Technischen Dokumentationen gesehen, die zwar ausreichende Daten enthielten, diese aber nicht von einer anerkannten Ethikkommission genehmigt waren. Oder die Daten wurden von der nationalen zuständigen Behörde nicht genehmigt, weil sie im Rahmen einer Forschungsstudie und nicht einer klinischen Leistungsstudie generiert wurden.
In diesen Fällen ist es unwahrscheinlich, dass die Ergebnisse als valide anerkannt werden, um die CE-Kennzeichnung des Produkts zu stützen – sei es unter der IVDR oder der IVDD. Dies kann erhebliche Zweifel an der Gültigkeit der aktuellen oder zukünftigen CE-Kennzeichnung aufwerfen. Im schlimmsten Fall kann die CE-Kennzeichnung ausgesetzt werden und das Unternehmen muss den CE-Kennzeichnungsprozess von vorne beginnen.
Was ist Ihr wichtigster Ratschlag für IVD-Innovatoren, die den Zugang zum europäischen Markt anstreben?
Wenn die Hersteller die Anforderungen des Qualitätsmanagementsystems nach EN ISO 13485 angemessen erfüllen, die klinische Evidenz erbracht haben, alle Daten vorliegen haben und etablierte Technologien einsetzen, dann haben sie beim Übergang zur IVDR kein nennenswertes Problem.
Der Schlüssel liegt im Delta zwischen dem Stand der Technik, den regulatorischen Anforderungen und einer guten Vorbereitung. Einfacher ist es für Unternehmen, die bereits seit vielen Jahren Produkte auf dem Markt haben, die von Benannten Stellen überwacht werden. Sie sind bereits mit dem höheren Niveau an Kontrolldokumentation und objektiven Nachweisen vertraut, die von den Reviewern der Benannten Stellen verlangt werden, und weisen in der Regel einen weitaus geringeren Zeit- und Kostenaufwand auf, wenn sie ihre Produkte auf die IVDR umstellen.
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