Was ist eine klinische Bewertung unter der EU MDR?
Die klinische Bewertung gehört zu den ressourcenintensivsten Aufgaben, die die europäische Medizinprodukteverordnung (EU MDR 2017/745) vorschreibt. Sie beginnt bereits in der Design- und Entwicklungsphase des Produkts und setzt sich im Rahmen des Risikomanagements fort, solange Ihr Produkt auf dem Markt ist. Bei der klinischen Bewertung handelt es sich um einen kontinuierlichen Prozess zur Erfassung und Analyse klinischer Daten für ein Medizinprodukt. Ziel ist der Nachweis, dass das Produkt die grundlegenden Sicherheits- und Leistungsanforderungen (GSPRs) nach Anhang I der MDR erfüllt und ein akzeptables Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweist. Der Ablauf der klinischen Bewertung sowie deren Ergebnisse müssen im klinischen Bewertungsbericht (Clinical Evaluation Report, CER) geplant und dokumentiert werden. Der CER ist ein dynamisches Dokument („living document“), das Teil Ihrer Technischen Dokumentation (TD) ist und über den gesamten Lebenszyklus des Produkts hinweg kontinuierlich aktualisiert werden muss.
Um die klinische Evidenz zu belegen und die CE-Kennzeichnung unter der MDR zu erhalten, müssen alle Medizinprodukte die Anforderungen an die klinische Bewertung erfüllen – dies gilt auch für selbstzertifizierende Produkte der Klasse I. In Anhang XIV, Teil A der MDR sind die Mindestanforderungen an die klinische Bewertung und den CER geregelt. Die Leitlinie MEDDEV 2.7/1 rev 4, die im Jahr 2016 veröffentlicht wurde und unter der Medizinprodukterichtlinie (MDD) Anwendung fand, dient nach wie vor als wichtiger Leitfaden für die Planung und Durchführung der klinischen Bewertung sowie für die Strukturierung des CER.
Ablauf der klinischen Bewertung unter der MDR
Der Prozess der klinischen Bewertung umfasst fünf Phasen:
Festlegung des Rahmens und Erstellung des klinischen Bewertungsplans (CEP). Der CEP ist Teil Ihrer Technischen Dokumentation und dient als umfassende Strategie für Ihre klinische Bewertung. Im CEP werden die klinischen Datenquellen und -methoden den Produktmerkmalen (wie Verwendungszweck, Äquivalenz, Stand der Technik und Risiken) zugeordnet, um die Konformität mit den GSPRs zu überprüfen. Er ist eng mit dem Risikomanagement verknüpft und erfordert eine Beschreibung der Datenanalyse sowie die Festlegung von Akzeptanzkriterien für die geplante klinische Bewertung. Die Erstellung des CEP sollte so früh wie möglich in der Produktentwicklung beginnen und bei Bedarf regelmäßig aktualisiert werden. Der CEP darf nicht retrospektiv erstellt werden. Inhaltlich sollte der CEP auf die Prozesse des Qualitätsmanagementsystems (QMS) und die Technische Dokumentation des Herstellers verweisen.
Identifizierung der verfügbaren Daten. Im nächsten Schritt erfolgt eine umfassende Literaturrecherche, um alle relevanten Daten zu Ihrem Produkt sowie zu äquivalenten Produkten zu erheben. Literaturrecherchen müssen systematisch durchgeführt werden und auf klar definierten, nachvollziehbaren Suchprotokollen und Zielen basieren. Zu den Datenquellen gehören wissenschaftliche Literatur, regulatorische Datenbanken sowie klinische Prüfungen des eigenen Produkts und/oder ähnlicher bzw. äquivalenter Produkte. Da die Identifizierung ähnlicher oder äquivalenter Produkte den Nachweis des Stands der Technik (State of the Art) unterstützen kann, empfiehlt es sich, diese Recherchen so früh wie möglich im Prozess der klinischen Bewertung durchzuführen.
Bewertung der relevanten klinischen Daten. Der CER muss auf einem detaillierten Protokoll zur Identifizierung, Bewertung und Analyse der klinischen Evidenz basieren. Sämtliche Daten müssen berücksichtigt und anhand ihrer Relevanz und Qualität gewichtet werden, zum Beispiel:
Beziehen sich die Daten auf Ihr Produkt, ein ähnliches oder äquivalentes Produkt oder ein Produkt mit derselben Technologie?
Ist die Patienten- bzw. Zielpopulation identisch oder vergleichbar?
Wurden die Daten in einer medizinischen Fachzeitschrift mit Peer-Review-Verfahren veröffentlicht?
Sind die Ergebnisse statistisch signifikant?
Es müssen sowohl vorteilhafte als auch nachteilige Daten berücksichtigt werden. Dieser Schritt ist von qualifizierten klinischen Bewertern durchzuführen, die offiziell bestellt und namentlich im CER genannt werden müssen.
Generierung neuer Daten bei Bedarf. Sollten sich Datenlücken (Data Gaps) ergeben, müssen unter Umständen klinische Prüfungen gemäß einem klinischen Entwicklungsplan (Clinical Development Plan, CDP) durchgeführt werden, welcher wiederum Bestandteil des CEP sein sollte.
Datenanalyse und Erstellung des klinischen Bewertungsberichts (CER)
Der CER spiegelt den Umfang der klinischen Bewertung, die Art der Daten, die Datenquellen, die Strategie der Literaturrecherche und deren Bewertung wider und legt schließlich die klinische Evidenz dar. Er fasst die Analyse der relevanten klinischen Daten und sonstigen Leistungsdaten zusammen und begründet detailliert, warum diese die Konformität des Produkts mit den GSPRs sowie die Übereinstimmung mit den Angaben zur Zweckbestimmung und Kennzeichnung belegen.
Wann ist der klinische Bewertungsbericht zu erstellen?
Der CER muss vor dem ersten Konformitätsbewertungsverfahren fertiggestellt und der Technischen Dokumentation zur Prüfung durch die Benannte Stelle beigefügt werden. Da die klinische Bewertung ein kontinuierlicher Prozess ist, muss der Bericht das voraussichtliche Datum der nächsten Aktualisierung sowie eine entsprechende Begründung für diesen Zeitabstand enthalten. Für Produkte der Klasse III und implantierbare Produkte der Klasse IIb ist der CER mindestens jährlich zu aktualisieren. Für andere Produkte wird eine Aktualisierung alle 2 bis 5 Jahre verlangt. Der CER muss jedoch auch außerhalb dieser Intervalle aktualisiert werden, sobald relevante Daten aus der Post-Market Surveillance (PMS) oder sonstige neue Erkenntnisse aus der klinischen Bewertung vorliegen.
